Dr. Marcin Wiatr
03.02.2018

Nachruf auf Klaus Zernack (1931-2017)

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission der Historiker und Geographen trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Zernack (1931-2017). Er war Gründungsmitglied des Präsidiums der Schulbuchkommission (seit 1972), aktiv an ihrer Arbeit über 45 Jahre beteiligt und von 1987 bis 2000 Vorsitzender. Durch seine Konzepte einer Neubewertung der Rolle Preußens („negative Polenpolitik“) für die deutsch-polnischen Beziehungen und einer Beziehungsgeschichte, mit der er spätere modische Ansätze einer „Verflechtungsgeschichte“ und einer „histoire croisée“ vorwegnahm, hat er über Jahrzehnte die Arbeit der Schulbuchkommission geprägt.

Zernack, dessen Familie aus der Neumark stammte und der in Berlin aufwuchs und studierte, war biographisch durch die katastrophale deutsch-polnische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Als Mitarbeiter und Schüler von Herbert Ludat erwarb er 1956-1966 in Gießen eine breite Ausbildung der Osteuropäischen Geschichte vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte, die er in der Folge auf Professuren in Frankfurt a.M. (1966-1978), Gießen (1978-1984) und Berlin (1984-1999) einem wachsenden Schülerkreis vermittelte und die in eine große Zahl von akademischen Qualifikationsschriften mündete.

Zentrales Anliegen Zernacks war eine wissenschaftliche deutsch-polnische Annäherung, wobei er in beiden Historiographien zentrale Kompetenzen für eine moderne europäische Geschichte sah. Er legte auf das Erlernen gerade der damals exotischen slawischen Sprachen viel Wert (sein Motto: „Sprachen lernen. Viel lesen. Gründlich nachdenken“) und bemühte sich den nach dem Krieg abgebrochenen deutsch-polnischen Wissenschaftsaustausch zu beleben. Zu diesem Zweck lud er Dutzende von Wissenschaftlern und Doktoranden nach Gießen, Frankfurt und Berlin ein, wo er seit den 1980er Jahren mit der „Historischen Kommission zu Berlin“ und dem „Forschungsschwerpunkt Ostmitteleuropa“ (heute GWZO Leipzig) Institutionen prägte und mitbegründete. Zahlreiche polnische Gelehrte und Historiker wurden durch diese Aufenthalte und Austauschprogramme in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit geformt.

Klaus Zernack besaß großes Ansehen unter polnischen Wissenschaftlern, was durch zwei Ehrendoktorwürden (Adam Mickiewicz-Universität Poznań 1989, Universität Warschau 1997) zum Ausdruck kam. Seine Arbeiten wurden ins Polnische übersetzt, insbesondere sein Opus Magnum „Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte“ (Polska i Rosja: dwie drogi w dziejach Europy. Warszawa 2000) und seine Studien zur preußisch-polnischen Verflechtungsgeschichte (Niemcy – Polska. Z dziejów trudnego dialogu historiograficznego. Poznań 2006) fanden eine breite polnische Rezeption. In seiner Tätigkeit vertrat er dediziert die Idee einer gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte. Er unterstützte polnische Kollegen in Aufenthalten und Kontakten in Deutschland und griff selbst immer wieder auf innovative Arbeiten polnischer Kollegen, etwa Gerard Labudas oder Benedykt Zientaras, zurück.

Innerhalb der Schulbuchkommission spielte er durch seine fundierten Kenntnisse der polnischen Geschichtsschreibung, seine Liberalität und seine Sensibilität für die polnische Perspektive eine zentrale Vermittlerrolle. Wir betrauern unseren langjährigen akademischen Lehrer, Kollegen und Freund und werden sein Werk fortsetzen.